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Haltestelle in der Leitstelle

Heute feiern wir zum ersten Mal unseren Haltestellen-Gottesdienst (alternativer Gottesdienst der CLM-Gemeinde in Heidelberg) in einer ganz anderen Location, nämlich im Café Leitstelle im Dezernat 16, der alten Feuerwache in Heidelberg, in der Emil-Maier-Str. 16 um 18 Uhr.
Bin gespannt, ob unsere Besucher dahin finden werden. Werbung haben wir gemacht. (Ich schreib's hier ja auch nochmal, aber von unseren Besuchern liest das bestimmt keiner. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste.)

Irgendwie dachten wir, zum diesmaligen Thema "Nicht von dieser Welt" (unter der Jahreslosung "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.") wäre eine andere Location als die üblichen kirchlichen ganz passend. So sind wir nach einigem Überlegen auf die Leitstelle gekommen. Und die Betreiberin stimmte dem zu! Yippieh!

Wie gesagt, bin gespannt, wer da so kommt. Zieht das Stammpublikum mit? Kommen Neue hinzu?
Wir sind wohlvorbereitet, doch es ist immer eine Überraschung, wer nun tatsächlich auftaucht. Vor ein paar Monaten hatten wir den stellvertretenden Leiter des Wichernheims (ein Zufluchtsort für Obdachlose) zu Gast. Erst waren es wenig Besucher, doch dann kam ein ganzer Schwung, eine Gruppe, die einen alternativen Gottesdienst besuchen wollte. Das war unseres Gastes würdig, denn er erzählte spannend und informativ.

Nachtrag am Abend:
Es war ein wunderschöner Gottesdienst in tollem Ambiente. Und wir hatten volles Haus! Yeah!

"'Die Rache ist mein,' sagt der Herr."

Die Überschrift hört sich an wie ein Krimi, aber ich will hier keinen Krimi schildern. Dieser Tage erinnere ich mich daran. Denn ich habe mal einen Text zu Borderline übersetzt, der für mich sehr hilfreich war. Eine Freundin von mir war damit diagnostiziert und sie gab mir den Text (er stammte von einer Beratungsstelle, aber sie haben ihn nicht mehr online) und bat mich, ihn ins Deutsche zu übertragen. Ich habe einiges davon gelernt (wie das so ist bei Borderline, denn Borderliner vereinen viel in sich). Auch meine deutsche Übersetzung habe ich schon längst nicht mehr, doch ein Satz ist mir besonders in Erinnerung geblieben: "' Die Rache ist mein,' sagt der Herr".

Im Text ging es darum, wie man mit Borderlinern konstruktiv umgeht und in ihrem Genesungsprozess unterstützt. Da stand dieser Satz dabei. Gilt sowohl für den Borderliner als auch dessen (aufgebrachtes) Umfeld. Ich kann leider nicht mehr nachschauen, doch in der Bibel kann ich nachschauen. Ich finde drei Textstellen dazu. Das liest sich ganz schön heftig.

5. Mose 32,35:
Die Rache ist mein, ich will vergelten zur Zeit, da ihr Fuß gleitet; denn die Zeit ihres Unglücks ist nahe, und was über sie kommen soll, eilt herzu.

Im Neuen Testament gibt es dazu zwei Stellen, die die oben zitierte erwähnen und um den Charakter der Barmherzigkeit (v.a. im Römerbrief) ausbauen.

Römer 12,19:
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr."

Hebräer 10,30:
Denn wir kennen den, der gesagt hat: "Die Rache ist mein, ich will vergelten", und wiederum: "Der Herr wird sein Volk richten."


Ich denke, es war der Römertext, der in den Ausführungen der Beratungsstelle zitiert wurde. Er wird gerahmt von den Versen 18 ("Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.") und 21 ("Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.").
Borderliner sind für mich Mahnmale für einen guten, (mindestens) respektvollen (bis liebevollen) Umgang miteinander. Was das ist, müssen sie oft erst lernen und dazu muss man es ihnen vorleben. So mein Fazit aus dem Text der Beratungsstelle.

Wie gesagt, dieser Tage kommt mir das Zitat in der Überschrift wieder in den Sinn. Also wollte ich die Bibelstellen nachgucken. Ich finde sie krass. Auf neudeutsch: "Hass ist krass, Liebe ist krasser." Wird das meinem Feind nicht wie Hohn vorkommen, wenn ich ihm Gutes tue? Kann er das überhaupt annehmen? Wird er umdenken, umlernen?
Andererseits: Wenn z.B. ein verantwortungsloser Mensch mit den Folgen seines Tuns konfrontiert wird, ist das an ihm nicht die ultimative Rache? Wird er sich daraus rauswinden können, gar Gutes lernen?
Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass der Jammer gross ist. Oder ist der Jammer gross genug, um sich in Zukunft vor Verantwortungslosigkeiten zu hüten? Oder ist der Jammer zu gross, sodass der Mensch nicht mehr aus noch ein weiss? Ohne fachliche Hilfe wird es wohl nicht abgehen. Wird ein verantwortungsloser Mensch diese Hilfe einfordern, annehmen?

Fragen über Fragen. Das Leben ist ein Abenteuer.



Dankbarkeitstagebuch

Die Jesuiten haben ein Dankbarkeitstagebuch entwickelt, um dem Dunkel dieser Tage und dieser seltsamen Zeit zu entgehen.

Ja, wir haben seltsame Zeiten, in denen wir mehr als sonst auf uns zurückgeworfen werden. Die grosse Freiheit der alles umgebenden Zerstreuung fehlt, und so fühlt sich so manch einer eingezwängt, ... Genügend Menschen leiden auch materielle, existentielle Not. Und es gibt noch so viel mehr an Bedrückendem, durch Corona verstärkt oder vielleicht erst hervorgerufen.

Da haben die Jesuiten dieses Dankbarkeitstagebuch ausgekocht, denn
gerade in schwierigen Zeiten, in denen wir oft nur das Dunkle und Schwere sehen, ist es wichtig, wahrzunehmen, wofür wir auch am Ende der Krise trotzdem dankbar sein können: [...]
Ich finde das eine tolle Idee. Sie ist abseits des medialen Alarmismus, der ständigen Katastrophenmeldungen, die sich überschlagen und immer sensationeller werden und uns erst recht ängstigen. Sie gibt uns eine gute Hilfe in die Hand, inmitten des Strudels nicht abzusaufen. Sie gibt Perspektive in scheinbar perspektivloser Zeit.

Scheisse düngt.

Wir haben in der Mosaik im Moment eine Predigtserie namens "Segen".

Gestern zog's mich in die Gemeinde, weil ich unbedingt was frisches, gesundes, ... brauchte. (Mir war potthässliches von anderer Stelle bei anderen Leute zu Ohren gekommen. Zeug, das kein Mensch braucht und kein vernünftiger Mensch will.) Die Predigt passte genau darauf. Was, wenn das segensreiche Wasauchimmer auf einmal so seine Macken aufweist, gar die dicken Herausforderungen mit sich bringt? Der Prediger redete nicht von Krisen, er redete von Herausforderungen, Plagen, .... Ganz am Anfang der Vergleich aus dem Fussball: Dranbleiben oder Trainer rausschmeissen.

Meine Wahl ist erstmal: Zurückstehen, sich setzen lassen. Wenn man ruhig geworden ist, sieht man die Dinge klarer, vllt. hat sich manches auch schon geklärt. Der Prediger sah es ganz ähnlich, redete von neuen Perspektiven und rät zur Gelassenheit.

Der Burner-Satz war für mich: "Scheisse düngt". Habe ich dann gleich mal an einen Freund weitergegeben, dessen Freund wiederum in einer grandiosen Scheisse sitzt: Scheisse düngt. Ich weiss nicht, ob er das gern hört, aber wenn man nicht ganz untergeht, dann lernt man eine Menge und wächst und reift.

(Wenn nun einer Interesse hat, die Predigt zu hören - Dauer: nicht ganz eine halbe Stunde - der gucke entweder unter Soundcloud nach Mosaik-Heidelberg, oder gehe auf die Website. Dort sind die neuesten Predigten gelistet. In diesem Fall die Predigt vom 26.01.2020.)