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destruktive Lektüre

Oder: Wie verderbe ich es mir am Besten mit meinen Mitmenschen?

Der Klappentext verspricht "natürlich" anderes:
Nett sein war gestern, es ist Zeit für die Rhetorik-Disziplin der Extraklasse – schwarz, provokant und garantiert erfolgreich, um sich mal ganz egoistisch durchzusetzen, ob in Beruf oder Familie.


Hier müsste der Verlag - ähnlich wie bei Medikamenten das: "Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker" - schreiben: "Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Psychotherapeuten, Seelsorger, ..."

Es geht um das Buch "dunkle Rhetorik" von Wladislaw Jachtchenko, als Taschenbuch erschienen bei Goldmann (ich habe es oben verlinkt).

Eine Anweisung, wie man sich den letzten liebenswerten Rest in sich selbst verdirbt.

Lesen bildet.

Punktum. Und führt weiter im Leben.

Nathan zeigt es in seinem neuesten Artikel auf: #ichwillihnberuehren

Es geht um ein schwules Pärchen, wie sie unter (dem üblichen) Zittern und Zagen zusammenfinden. Es liest sich anscheinend sehr anrührend, aber wohl auch nachdenklich machend (lesen bildet!). Denn Nathan schreibt über diese Liebesgeschichte:

Neben der schönen Geschichte sind bei mir auch die Gedanken und die Angst von OJ zum Thema Schwu­len­hass hängen geblieben. Es macht mich traurig und wütend, dass das immer noch ein Thema ist. Was habe ich für ein Recht, Menschen ihr Glück, ihre Liebe zu versagen? Warum nicht lieben und lieben lassen? Tut es wirklich so weh? Was verliere ich dadurch — etwa ein men­schen­ver­ach­ten­des Weltbild?


Mir ging das vor Jahrzehnten mit dem Buch "goldene Zeiten" von Rita Mae Brown so. In "goldene Zeiten" geht es um Lesben. Und sie haben tolle Freundschaften. Das Ergebnis der Lektüre dieses Buches war, dass ich bis heute nicht verstehe, was an Lesben schlimm, böse, verwerflich, ... sein soll. Ich kann sie nicht verdammen, beim besten Willen nicht. Mir geht es genauso wie Nathan.

witzig-spritzig geschrieben: Lesen!

Das Buch "Männerphantasien" habe ich in der Stadtbücherei im Regal einfach nicht gefunden. Entweder war ich zu doof dafür oder jemand hatte es aus dem Regal genommen. (Ich gehe immer gut vorbereitet in die Stadtbücherei, schreibe mir den Buchcode raus und dann gehe ich zielgerade auf mein Wunschbuch zu.) Bei der Suche habe ich ein anderes Buch gefunden, das ich ausleihen wollte, und zuerst nicht gesehen habe: Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats, erschienen bei rowohlt.

Margarete Stokowski schreibt Kolumnen, erst in der taz, jetzt bei spon. Und diese Kolumnen sind so witzig-spritzig, man muss sie lesen. "Die letzten Tage des Patriarchats" ist eine Kolumnensammlung aus den Jahren 2011 bis 2018. Sie sind nicht nur witzig-spritzig, sie lockern das (dröge) Denken auf und erden.

Ein Beispiel: Die First Lady, also die Frau des Bundespräsidenten. Auf den Seiten 37 bis 39 setzt sie sich mit dem "Beruf" (eher: Ehrenamt) der First Lady auseinander. Die First Lady ist immer eine Frau, die immer an der Seite ihres Mannes steht, ihn immer stützt und nötigenfalls eine erfolgreiche eigene Karriere für ihn aufgibt (sobald er Bundespräsident ist) und sich nun in unbezahlter Care-Arbeit (Ehrenamt) aufopfert.
Im vorletzten Absatz stellt sie einige Alternativen als Denkansatz vor: Was wäre, wenn wir eine Bundespräsidentin hätten, was wäre dann mit dem Ehemann, würde der sich dann um Kinder und Kranke kümmern? Oder wenn ein Single, eine Lesbe, ein polyamorer Mensch, ... Bundespräsident würde? Die letzte Frage dazu von ihr: "Kriegt dann die AfD die Blutdrucksenker vom Staat?"

Wenn das mal nicht witzig-spritzig ist, dann weiss ich auch nicht.

Lesen oder nicht lesen?

Durch das Interview Das Töten aus Lust hat nicht nachgelassen bin ich auf Klaus Theweleits Buch Männerphantasien gestossen. Das ist kein Buch über erotische Phantasien, sondern es geht um (faschistoide) Männergewalt.

Eine der Fragen im Interview wird mit einem Zitat aus seinem Buch eingeleitet:
Männerphantasien, das sind Vorstellungen von dem, was Männer nicht wissen durften: Körperwünsche, Energien und Sehnsüchte wurden unterdrückt und abgetötet, um wieder geboren zu werden im Kampf für Größe und Vaterland.


Ein bisschen habe ich in die Leseprobe reingelesen. Scheint sehr interessant zu sein. Es scheint mich unsere Gesellschaft besser verstehen zu lassen und den Feminismus samt den Gegnern. Also ein Buch, das ich gerne lesen möchte.

Der Grund, warum ich zögere: Wie pathologisch wird es in dem Buch hergehen? Ich habe (noch?) eine relativ dünne Haut, was derlei Dinge betrifft, und sollte dann lieber die Finger davon lassen.

Hörgenuss: Katharina Thalbach

Auf hr2 habe ich das Hörbuch (man kann dort in einen kurzen Ausschnitt am Anfang reinhören) Im Vertrauen, Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Mary MacCarthy, gelesen von Katharina Thalbach und Sandra Quadflieg, kennengelernt und mir empfehlen lassen. So quasi zu Weihnachten habe ich es mir gegönnt.
Und bin begeistert.
Ganz, ganz hervorragend Katharina Thalbach, sodass ich heute in die Stadtbücherei gegangen und das Hörbuch "Witwendramen" mit Anna, Nellie und Katharina Thalbach ausgeliehen habe. Was für ein Genuss! Ich kann es nur weiterempfehlen.

Im Klappentext des letzteren lese ich, dass Katharina Thalbach 2014 den Deutschen Hörbuchpreis für ihr Lebenswerk bekommen hat.
Den hat sie mehr als verdient, finde ich! Dabei kenne ich nur zwei ihrer Werke. Zwei ganz unterschiedliche. "Im Vertrauen" ist was Ernstes, zwei hellwache Frauen, Intellektuelle ihrer Zeit, im vertrauten Austausch. In "Witwendramen" sind es auch hellwache Frauen, zum Schreien komisch. Göttliche Unterhaltung. Ich muss mir das Hörbuch selbst beschaffen. Und vllt. meinen Cousin fragen, ob meine gute Tante (sie ist dieses Jahr selbst Witwe geworden) einen CD-Spieler hat. Ich würde es ihr gar zu gerne zukommen lassen. Sie liebt Kultur, sie würde sich königlich amüsieren, das weiss ich.